Die ganze Welt spricht über die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei, zwischen der Türkei und der EU, zwischen Angela Merkel und Tayyip Erdogan. Vielleicht spricht auch nur ganz Europa darüber, oder nur die ganze Türkei und ganz Deutschland – dafür aber ganz viel.
Vieles von dem, was gesprochen wird, klingt dabei furchtbar wenig informiert – oder gar desinformiert. So kommt es zu Aussagen wie
Die Rektorin des [Wertinger]Gymnasiums denkt, dass die Türkei durchaus in die Europäische Union beitreten könne, da sie ja ein Land in Europa sei.
Quelle: Augsburger Allgemeine
Ich gebe zu: Wenn eine Blume zu 90 Prozent aus einer Vase heraus steht, behaupte ich trotzdem, sie stünde in der Vase. Dagegen wird beim Fußball ein Tor erst als solches anerkannt, wenn der Ball zu 50 Prozent die Torlinie überquert hat.
Zu den Fakten
- Ein Teil der türkischen Bevölkerung lebt in Europa, ein anderer Teil lebt in Asien. Zu Europa gehören dabei Teile Istanbuls und ein paar kleinere Großstädte. Insgesamt leben dort ca. 9 Millionen Menschen (siehe hier und hier). In der Türkei leben insgesamt etwa 72 Millionen Menschen. Es handelt sich also um ca. 12,5 Prozent der Bevölkerung.
- Man könnte neben der Bevölkerung natürlich auch das Staatsgebiet vergleichen. Da ist das Verhältnis noch ein wenig deutlicher: Nur 3% der Landesfläche des türkischen Staatsgebiets liegen in Europa, also westlich des Bosporus (siehe hier).
Problematisch ist in dem Zusammenhang, das die EU selbst zurzeit noch nicht weiß, ob sie überhaupt geographische Grenzen besitzen will, oder eine Art offenes Projekt sein möchte, dem jeder Beitreten kann, der sich genügend anpasst. Also bleibt die Frage nach dem Beitritt der Türkei zur EU vorläufig unbeantwortet.
Ein aktuelleres Thema sind dagegen die Menschen türkischer Abstammung, die in Deutschland leben. Zum einen muss darüber nicht erst verhandelt werden, zum anderen wird sich daran auch nichts ändern. So wurde also in den letzten Tagen heiß über die Frage diskutiert, ob es in Deutschland türkische Schulen geben soll oder nicht.
Befürworter argumentieren zum einen mit der Existenz deutscher Schulen in der Türkei, zum anderen mit besseren Chancen zur Integration. Gegner bezweifeln genau diese bessere Integration, sagen sogar eine schlechtere Integration voraus (wie die eingangs zitierte Rektorin) und führen an, dass es bereits Schulen in Deutschland gibt, in denen Türkisch unterrichtet wird.
Zeit für noch mehr Fakten
Es gibt laut einer Auflistung www.antalya.de fünf Deutsche Schulen in der Türkei. Die Liste deckt sich mit weiteren Quellen im Internet, so dass eine gewisse Zuverlässigkeit gegeben sein dürfte. Genau handelt es sich dabei um
- die Privatschule der Deutschen Botschaft Ankara, mit einer weiteren Zweigstelle in Ankara und einer Zweigstelle in Izmir
- die Özel Alman Lisesi Deutsche Schule Istanbul (privates Gymnasium mit mathematisch-naturwissenschaftlichen Profil)
- das Gymnasium Istanbul Lisesi
Diese fünf Schulen haben mindestens zwei gemeinsamkeiten:
- Der Unterricht wird in deutscher Sprache gehalten.
- Der Besuch der Schule ist nicht kostenlos (bis auf das Gymnasium Istanbul Lisesi).
Es gibt also vier private und eine staatliche deutsche Schule/n in der Türkei.
In Deutschland gibt es dagegen keine türkische Schule. Es gibt Schulen, wo Türkisch gelehrt wird, allerdings werden die anderen Fächer trotzdem in deutscher Sprache unterrichtet.
Pro und Contra
Mit der Existenz der deutschen Schulen in der Türkei zu argumentieren ist schwach. So könnte man auch mit der Existenz ganz anderer Einwanderungsbedingungen in anderen Staaten existieren – ebenso schwach. “Was ihr dürft, müssen wir auch dürfen”, darf also nicht das ausschlaggebende Argument sein. Es bleibt die Integration und die Wahrung der türkischen Kultur.
Die türkische Kultur ist – wie jede fremde Kultur – in erster Linie eine Bereicherung für Deutschland. Die Integration ist gleichzeitig eine Berechtigte Forderung der Deutschen und ein ebenso berechtigter Wunsch der Türken. Doch woran scheitert Integration?
Bei einigen fehlt sicher der Wille. Jetzt allen Türken zu unterstellen, sie wollten sich gar nicht in die deutsche Gesellschaft einbringen, gleicht der Unterstellung, alle Arbeitslosen seien nur zu faul zum Arbeiten – auf einige trifft das dennoch zu.
Andere sind kriminell. Da werden verschiedene Zahlen angegeben, manchmal sind es 15.000 türkisch-stämmige Einwohner, die im deutschen Strafvollzug sind. Die Zahl dürfte etwas älter sein, wenn sie denn stimmt, also bezieht sie sich auch auf etwas mehr Strafgefangene insgesamt (zzt. ca. 60.000). Trotzdem wäre es eine stolze Zahl. Andererseits bei 2,5 Millionen Türken in Deutschland auch nicht mehr so viel. Einer der Hauptgründe für die Kriminalität dürfte dennoch die fehlende Bildung sein. Genau in dem Punkt würden türkische Schulen also vermutlich helfen.
Ausgehend davon, dass der größte Teil der Türken in Deutschland sich aber einerseits integrieren möchte und andererseits nicht kriminell ist, die Integration trotzdem allzu oft nicht funktioniert, muss es also andere Gründe geben.
Der wohl wichtigste: die Sprachbarriere. Wie kann man jemandem helfen, der die eigene Sprache nicht versteht. Entweder lernt man sein Sprache oder hilft ihm, die eigene zu lernen. Es wird niemand ernsthaft von fast 70 Millionen menschen erwarten, plötzlich türkisch und – aus gründen der Fairness – italienisch, polnisch und chinesisch sprechen und verstehen zu können. Also muss jeder Mensch in Deutschland auch die deutsche Sprache beherrschen. Dass dies durch türkische Schulen in Deutschland gefördert wird, darf bezweifelt werden.
Dann bleibt noch immer die ablehnende Haltung der Deutschen. Auch die existiert wieder nicht bei allen, aber sie existiert. Leider ist es keine Hilfe, wenn eine Minderheit der Türken das Bild einer ganzen Bevölkerungsgruppe bestimmt, indem sie allzu oft allzu negativ auffallen. Was bleibt, ist dann nur der Gedanke: “Willst du die integrieren, dann erwarte nicht mehr Veränderung, als wenn du ex integrierst – erwarte nur weniger Erfolg.”
Von der BILD lernt man, toll klingende Wörter in der Überschrift unterzubringen. Wie weit das hier gelungen ist, muss jeder selbst beurteilen. Ebenfalls aus der BILD stammt die Taktik, Thesen mit absurden Grafiken zu belegen. Hier also diejenige, die zur Überschrift passt:

Im Moment wächst der Teil der deutschen Bevölkerung, der einen türkischen Migrationshintergrund hat, mit 2,5% im Jahr. Das Diagramm zeigt die Anzahl dieser Menschen in den nächsten 100 Jahrne.